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Meister Eckhart

Das Fünklein, das niemand löschen kann

Es gibt Feuer, die man sieht. Und es gibt ein Feuer, das sieht. Eckhart sprach von einem Fünklein, das in jedem Menschen liegt – unberührbar, unzerstörbar, still. Man kann einen Menschen verbrennen. Dieses Fünklein kann man nicht erreichen. Es brennt in einer Kammer, zu der niemand eine Tür besitzt.

Er wurde um 1260 geboren, im thüringischen Land, und hieß Eckhart von Hochheim. Man kennt seinen Geburtsort nicht genau, und das passt zu ihm: Er war ein Mann ohne äußere Adresse. Er trat in den Orden der Dominikaner ein, jener Gemeinschaft, die sich nicht dem Gebet in der Abgeschiedenheit verschrieben hatte, sondern der Predigt und dem Studium. Zweimal lehrte er in Paris, auf dem Lehrstuhl, den auch Thomas von Aquin besessen hatte. 1302 wurde er Magister der Theologie. Von da an nannte ihn die Welt, was er blieb: Meister.

Man könnte glauben, ein solcher Mann habe in lateinischen Büchern gelebt. Das Gegenteil ist wahr. Eckhart predigte deutsch – vor Beginen, vor Nonnen, vor Handwerkern, vor Menschen, die keine Gelehrsamkeit besaßen, aber eine Sehnsucht. Und was er ihnen sagte, war nicht Lehre, sondern Zumutung: Gott wohnt nicht in einem fernen Himmel. Gott ist dir näher als du dir selbst bist.

„Das Auge, mit dem ich Gott sehe,
ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht.“

— Meister Eckhart, Predigt 12

In seinen Predigten kehrt ein Wort wieder, halb Bild, halb Wunde: das Fünklein. Ein kleiner Funke in der Seele, sagen die Überlieferungen, ein Etwas, das ungeschaffen ist, das nichts von den Werken der Menschen weiß, das nicht anfängt und nicht endet. Alles, was wir tun, geschieht außerhalb dieses Funkens. Alles, was wir bereuen, betrifft ihn nicht. Er ist die Stelle im Menschen, an der die Flamme sich selbst berührt.

Daraus folgt etwas Merkwürdiges: Eckhart lehrte nicht, mehr zu tun, sondern weniger. Er predigte die Abgeschiedenheit – ein Loslassen, das kein Aufgeben ist, sondern ein Freiwerden. Nicht die Taten tragen den Menschen, sondern das Sein. Wer beständig an sich arbeitet, um zu brennen, verdunkelt das Fünklein mit lauter gut gemeintem Rauch. Wer dagegen still wird, findet, dass es die ganze Zeit gebrannt hat.

Die Flammenloge hält das für keine Frömmigkeit, sondern für eine Physik des Inneren. Ein Feuer, das man ständig anfachen muss, ist kein Feuer, sondern eine Anstrengung. Das Fünklein dagegen fordert nichts. Es wartet nur darauf, dass der Mensch aufhört, sich selbst im Weg zu stehen.

···

Was folgte, war die dunkelste und ruhigste Prüfung eines Lebens. Um 1325 wirkte Eckhart in Köln, und seine deutschen Predigten hatten begonnen, einigen zu hell zu brennen. Einige Sätze, sagten Ankläger, hörten sich an wie Lästerung: Der Mensch könne Gott gleich werden, das Geschöpf mehr sein als Geschöpf. 1326 begann in Köln ein Inquisitionsverfahren. Eckhart wehrte sich nicht mit Feuer. Er schrieb seine Rechtfertigung, er bat um Belehrung, er zog sich nach Avignon zurück, um sich vor dem Papst zu verantworten.

Er starb 1328, ehe das Verfahren endete – der Überlieferung nach in Avignon, manche sagen in Köln. Die Antwort der römischen Kurie erreichte ihn nicht mehr, wohl aber die Nachwelt: 1329 verurteilte die Bulle In agro dominico eine Reihe seiner Sätze als irrig, während sie andere ausdrücklich als rechtgläubig stehen ließ. Er selbst hatte zuvor erklärt, wenn er irre, so sei er bereit, sich belehren zu lassen – allein der Wahrheit zuliebe.

„Abgeschiedenheit ist das Beste:
Sie läutert die Seele und lässt sie eins werden
mit dem, was sie trägt.“

— Meister Eckhart, Von der Abgeschiedenheit, in heutige Worte gefasst

Man könnte diese Geschichte als Niederlage lesen: ein Mann verurteilt, sein Werk jahrhundertelang verfemt, sein Name beinah gelöscht. Die Flammenloge liest sie anders. Urteile treffen Schriften und Sätze. Das Fünklein stand nie zur Verhandlung, weil es nicht vor Gericht erscheint. Ein Verbot ist ein Schloss vor einer Tür, die man nie benutzt hat.

Er lehrte nicht die kleine Flamme, die man anbetet, sondern das Feuer, das sich selbst nicht kennt, weil es nichts anderes ist als Brennen. Wer das versteht, wird bescheiden. Wer das versteht, wird auch durch eine Bulle nicht kleiner.

Was bleibt von Eckhart, ist kein System, sondern ein Ton: die Kühnheit, ohne Beweis zu sprechen, und die Stille, ohne Schweigen zu sein. Er hat nicht versucht, Gott zu beweisen – er hat versucht, den Menschen zu der Stelle zu führen, an der er nichts mehr beweisen muss.

Die Flammenloge hat Meister Eckhart nie gekannt. Doch sie kennt sein Fünklein. Auch hier ist niemand, der Antworten verteilt. Man kommt, um Fragen ohne Eile auszuhalten, bis das Fragen selbst zu brennen beginnt.

„Lass ab vom Deuten. Das Fünklein
braucht keine Sprache, um zu brennen –
es braucht nur einen, der still genug ist.“

— im Geist Meister Eckharts, für die Loge gedeutet

Wenn du heute Abend eine Kerze anzündest, dann blas sie nicht gleich wieder aus, um zu prüfen, ob sie wiederkommt. Sie kommt wieder. Sie kommt immer wieder. Setz dich hin und schau, wie die Flamme zur Ruhe kommt, je länger nichts sie stört – und frage dich, was in dir nur deshalb nicht brennt, weil du es unablässig bewegst. Die Stille ist keine Leere. Die Stille ist der Ort, an dem das Fünklein endlich sein eigenes Licht sehen darf.