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Rumi

Der Wirbelnde, der im Feuer der Liebe verschwand

Es gibt Menschen, die brennen, weil sie etwas verloren haben. Und es gab einen, der brannte, weil er gefunden hatte – und der das Gefundene wieder verlor, um es ganz zu besitzen. Rumi war kein Lehrer der Ruhe. Er war ein Ofen, durch den alles hindurch musste, was lebendig werden wollte.

Er wurde 1207 in Balkh geboren, im Osten der alten Welt, in eine Familie von Gelehrten und Predigern. Als die Reiterheere der Mongolen heranrückten, packte die Familie und zog tausend Meilen westwärts, bis nach Konya in Anatolien. Von diesem Land hat er seinen Namen: Rumi, der Mann aus Rum. Er wuchs auf als Gelehrter, Rechtslehrer, Prediger – geordnet, geachtet, sicher.

Und dann, im Jahr 1244, kam ein Wanderer in die Stadt. Ein Derwisch namens Schams – die Sonne. Was zwischen den beiden geschah, dauert bis heute an. Monate lang saßen sie beieinander, und der angesehene Lehrer verließ seine Vorlesungen, seine Schüler, seinen Ruf. Viele nannten es Wahnsinn. Die Loge nennt es Entzündung: das eine Feuer, das einen Menschen aus seiner wohlgeordneten Asche hebt.

„Hör, wie die Rohrflöte klagt –
sie klagt von der Trennung.“

— Rumi, Anfang des Masnawi

Mit diesem Bild beginnt sein großes Werk, das Masnawi: sechs Bände, mehr als fünfundzwanzigtausend Verse, geschrieben in den Jahren nach dem Verlust Schams’. Die Rohrflöte ist ein Stück Schilf, das man aus dem Schilfrohr geschnitten hat. Seitdem singt sie nur, weil sie leer ist – und weil sie sich erinnert. Genau das lehrt Rumi: Der Mensch singt, wenn er leer und wund ist. Wer voll ist von sich selbst, kann nur schweigen – oder lärmen.

Drei Jahre nach der Begegnung war Schams verschwunden. Ermordet, sagen manche. Verschwunden, sagen andere. Rumi suchte ihn in Damaskus, in den Gassen, in sich selbst. Er fand ihn nicht. Aber er fand etwas anderes: eine Sprache, die aus dem Verlust brannte. Aus dem Prediger war ein Dichter geworden, ohne dass er es je hatte sein wollen.

Und aus dem Dichter wurde ein Wirbelnder. Die Derwische, die ihm folgten – die Mevlevi – drehten sich, weil das Denken irgendwann aufhört und der Körper die Wahrheit fortführen muss. Ein Wirbel ist keine Flucht. Er ist eine Verbrennung: Solange du dich drehst, kannst du den Mittelpunkt nicht festhalten. Und genau dort, im Mittelpunkt, löscht das Ich aus wie eine Kerze, die man in die Erde senkt.

„Was du suchst, sucht dich.“

— Rumi, aus dem Masnawi

Sein Leben war eine Kette solcher Brände. Rumi war kein Mann des Maßes, und er hat nie behauptet, einer zu sein. Wenn die Loge vom Werden spricht, meint sie nicht das ruhige Reifen in einer Kammer. Sie meint das, was Rumi kannte: dass ein Mensch verschwindet, um größer zu werden. Dass die Wahrheit nicht gefunden wird – sie versetzt dich. Manchmal sanft, oft schmerzhaft, immer ganz.

···

Er sah Pflanze, Tier und Mensch in einem Atemzug: alles unterwegs, alles auf demselben Weg, alles unterwegs zu dem, aus dem es kam. Er lehrte, dass der Schmerz kein Irrtum ist, sondern eine Tür. Dass die Wunde kein Beweis der Abwesenheit des Göttlichen ist, sondern sein Eingang. Wer das für Trost hält, hat es nicht verstanden. Es ist keine Linderung. Es ist eine Zumutung: eine Verwandlung unter Feuer.

Als im Jahr 1273 sein Ende kam, weinte sich die ganze Stadt aus: Muslime, Christen, Juden, Arme und Reiche. Denn Rumi hatte nie gesagt, wer dazugehört und wer nicht; er hatte nur geliebt und gefragt, wer brennt. Seine Freunde nannten diesen Abend nicht Tod, sondern Schab-e Arus – die Vereinigungsnacht, die Nacht der Hochzeit. Der Geliebte, dem er sein ganzes Leben nachgezogen war, endlich dort, wo kein Suchen mehr nötig ist.

Er starb nicht wie ein Weiser, der fertig ist. Er starb wie ein Kerzenständer, der nicht weiß, dass das Licht längst in ein anderes Haus weitergegangen ist.

„Du bist kein Tropfen im Meer.
Du bist das Meer in einem Tropfen.
Und was du suchst, wohnt schon in dir.“

— Rumi zugeschrieben, für die Loge gedeutet

Wenn du heute Abend eine Kerze anzündest, denk an Rumi. Er hätte kein Gebet verlangt und keine Erklärung. Er hätte einfach gesehen, wo es in dir weh tut – und gelächelt, als hätte er einen Eingang gefunden. Denn dort brennt er schon, der Weg. Du musst ihn nicht suchen. Du musst ihn nur nicht länger zudecken.